Aus dem Nähkästchen geplaudert

Heute erzähle ich euch mal was aus meinem privaten Leben mit dem Wohlstandsköter namens Tucker…wir haben heute nämlich richtig was erlebt, Gutes und Fragwürdiges.20140320_131008

Zunächst ein paar Grundinfos, zum besseren Verständnis worum es überhaupt geht:Das Tuckertier ist ein ziemlich unsicherer Wuff, vor allem im Umgang mit fremden Menschen. Als ich ihn übernommen habe, konnte ich ihn nicht wirklich anfassen, ich habe ihn tatsächlich mit einer 1,5m Leine gehabt, er am einen Ende, ich am Anderen. Und der Bursche hätte geschnappt wenn ich ihn bedrängt hätte, da bin ich sicher. Aber: Er hat sich auch recht schnell an mich gewöhnt und ist nach den Jahren auch wirklich gut zu händeln. Mit Fremden muss ich trotzdem immer aufpassen, wenn er überfordert ist und nicht weiter weiß dann schnappt er, er wird zur Not auf dieses Schema zurückgreifen. Alternatives Verhalten klappt nur unter guter Anleitung. Soviel also dazu.

Trotzdem üben wir natürlich fortwährend weiter, damit er entspannter wird und besser damit umgehen kann. Unter anderem haben wir seit einiger Zeit sehr sehr nette und hundefreundliche Nachbarn, da darf er dann auch mal mit rüberkommen wenn wir abends zusammensitzen etc. Locker und cool, ganz frei und easy. Nun trifft es sich, dass wir noch einen neuen Nachbarn bekommen haben, gegenüber. Wir hatten uns schonmal im Treppenhaus getroffen und kurz vorgestellt, sonst nix. Heute komm ich von meinen Stunden heim, im Treppenhaus meine einen sehr sehr netten Nachbarn und eben „der Neue“. Lange Rede kurzer Sinn, Einweihungs-/Begrüssungsbier beim „Neuen“ (ich = Red Bull 😉 ). Es stellte sich heraus, der Gute hatte jahrelang Hundesport auf sehr hohem Niveau gemacht, Ausbildungswart, SV, er selber um die 60 und aktuell hundelos. Nun gibt es da ja bekanntlich gewisse Klischees, gerade in unserer „sanften“ Branche…wir alle wissen was da beizeiten hinter den Kulissen abläuft. Nichtsdestotrotz, er ist sehr sympathisch und kompentent rübergekommen, überzeugend. Ich frag also so in die kleine Runde: „Soll ich den Tucker mal rüberholen?“. Ja klar, kein Thema.  Daraufhin hab ich den neuen Nachbarn kurz eingewiesen, er soll einfach entspannt sitzen bleiben, weiter quatschen und den Dicken erstmal ganz ignorieren. Der kommt dann schon wenn er soweit ist. Gut, machen wir so, ich meinen Stressi rübergeholt, wohlgemerkt ohne Leine und Türen der Wohnungen offen damit er absolut Fluchtmöglichkeit hat wenn er Schiss kriegt (und ich auch ausreichend Platz zu agieren und ihn rauszuholen wenn nötig).

Und dann lief das wie am Schnürchen, echt. Tucker ist mit mir rein, hat die beiden bekannten Nachbarn zaghaft begrüßt, mal durch die Wohnung geschnuppert (1-Zimmer Appartment), den Neuen vorsichtig beäugt, dann langsam rangetastet zum schnuppern. Leckerchen vorsichtig genommen, zu mir gekommen, hingelegt. Noch ein paar Mal aufgestanden, wieder hin, gucken, schnüffeln, nachdenken ;-). Er war durchaus ein wenig gestresst, lief auch mal kurz unruhig hin und her, hechelte ein bisschen, kam aber so recht gut zurecht. Ich bin echt stolz auf ihn, das hat er supertoll gemacht für seine Verhältnisse! Und der neue Nachbar war auch super, kein Klischeetyp, einer der den Hund sieht und drauf eingehen kann und zudem auf einen Besitzer vertraut, der den Hund jahrelang kennt!

Es begab sich, dass wir uns für den späteren Abend alle bei den bereits gut bekannten Nachbarn verabredeten zum gemütlichen Hock, ein Freund der Nachbarn sollte auch kommen. Wir saßen also wieder zusammen, der besagte Kollege auch da, auch er Hundehalter, machte eigentlich keinen schlechten Eindruck auf mich, so in der Kürze. Nachdem es mit Tucker heute schon so gut geklappt hatte und er auch recht entspannt war, fragte ich wieder ob ich rüberholen dürfte zum üben. Okay, kein Problem. Ich also kurz erklärt wie und was und wie er sich verhalten soll und dann den Wohlstandsköter geholt. Was soll ich sagen…ich hab mich kräftig getäuscht – in dem Typen! Tucker wieder rein, diemal bekannte Wohnung, guckt sich die Leute an und geht ganz vorsichtig in Richtung von dem Fremden. Der saß auf einem Stuhl und aß Pizza auf Wohnzimmertischhöhe. Kaum ist der Tucker auf einen guten Meter ran, dreht er sich zu ihm, beugt sich in die Richtung und sagt im Kommandomilitärton „Sitz“ während er mit einem Stück Pizzarand in Tuckers Richtung wedelt. Der wiederum springt vor Schreck erstmal eineinhalb Meter zurück hinter meinen Stuhl. Okay, ich dann nochmal versucht das Verhalten des Besuchs zu korrigieren „Laß ihn einfach, mach nicht soviel Druck, ganz sachte und leise, der Tucker reagiert auf einen kleinen Fingerzeig.“ Naja, Erfolg sieht anders aus, die Antwort „Nee, lass mich mal, ich kenn mich aus, ich mach das schon!“ und direkt darauf weitere Kommandos und Fuchtelei in Richtung meines armen Hundes, gefielen mir genau gar nicht. Ich also aufgestanden und Tucker zurück zu uns gebracht, so muss er nicht mit sich umgehen lassen, den Stress braucht er nicht und er lernt auch nur wieder, dass Fremde bedrohlich und böse sind. Danach bin ich aber nochmal ohne Hund zurück, mein Handy und meine Tasche waren noch drüben, das brauch ich ja. Außerdem wollte ich wissen, was der Bursche zu sagen hat, mich kann er mal anblöken: „Don´t mind the dog, beware of the owner! *grins*, Hauptsache mein Dicker ist aus der Schußlinie :-).

Mein „neuer Freund“ (Achtung: Ironie!!!) erklärte mich natürlich gleich für völlig ahnungslos, keine Ahnung von Hunden, hätte ich ihm drei Minuten gegeben und er wäre beste Freunde mit meinem Süßen gewesen…blablabla. Der Ton irgendwo zwischen abwertend und belehrend, ich denke jeder kennt sowas. Und ich brauche das auch nicht, mir ist es auch total egal was der Bursche zu erzählen hat, ich habe mit eigenen Augen genug gesehen, ganz egal was er mir verkaufen will. Nun habe ich das Problem, dass ich in solchen Momenten „losgehe wie die Feuerwehr“ und versuche meinem Gegenüber zu verdeutlichen was ich mache, worum es mir geht etc. Hinterher ärgere ich mich dann, solche Leute sind unbelehrbar, ich verschwende meine Zeit damit mein Wissen an eine Wand zu quatschen- kostenlos, Perlen vor die Säue. Womöglich blamier ich mich auch noch, weil ich mich reinsteigere und selber anfange zu belehren oder zu rechtfertigen. Ich muss aber nix erklären, niemand zwingt mich, ich bin auch keine Frau Schlauberger…ich bin Trainerin, meine Beratungen kosten Geld :-). Ich weiß was ich tue und was ich kann, da brauch ich nicht rumdiskutieren- es sei denn ich lerne was dabei. Schon gar nicht mit diesem Typ Mensch.

Nun predige ich tagtäglich Souveranität und Ruhe im Umgang…mit dem Hund, gerade und im Besonderen wenn die Situation sehr anspruchsvoll für den Hund ist. Es ist nur folgerichtig, das Souveranität und Ruhe in einer so brenzligen Situation mit Menschen auch sehr hilfreich ist um die Lage zu entspannen. Doch wir wissen alle: so einfach ist das gar nicht. Zu schnell lässt man sich in eine Diskussion verwickeln. Heute ist es mir aber tatsächlich gelungen, ich bin echt cool geblieben, habe nix weiter erklärt, nur gesagt „mein Hund, meine Entscheidung, es ist mir ganz egal wie du das machst, aber nicht mit meinem Hund“ und „ich habe keine Lust mit dir über Hunde zu reden, das ist nicht unser Thema“, Ende. Und ich war auch echt freundlich und ruhig dabei…wo ich sonst gerade bei dieser Spezies gerne in Fahrt komme.. Jetzt bin ich auch ein bisschen stolz auf mich *rotwerd*. Ich hab noch fertig ausgetrunken und bin dann abgedackelt, Hund lüften und danach Sportstudio gucken.

Aber damit war unser Tag noch nicht vorbei.  Nach der Abendrunde trafen Tucker und ich im Stiegenhaus erneut den neuen Nachbarn. Mein Hundetier blieb ziemlich entspannt und da der Nachbar auch Sportstudio gucken wollte, entschieden wir kurzentschlossen gemeinsam Sportstudio zu gucken um Tucker nach dieser Aktion nochmal positiven Kontakt zu einem (fast) Fremden zu ermöglichen.Das klappte dann auch wieder sehr gut, die Beiden haben mithilfe von Wiener Würstl sogar ein paar Übungen gemacht, das klappte wunderbar, die Körpersprache hat gut gepasst und Tucker war cool dabei, hat das locker gemacht. Sogar mit der Beißwurst hat er mit ihm gezergelt, wenn auch etwas zaghaft, aber trotzdem, da kann der Herr Hund wählerisch sein bei der Wahl des Spielpartners;-).Das war schon sehr prima, da kann mein Bube richtig was mitnehmen und ich bin irre stolz auf ihn!

Und was lernen wir daraus?Auch Hundetrainer und ihre Hunde haben so ihre Schwächen, müssen an sich arbeiten und freuen sich über die kleinen und größeren Erfolge 🙂

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Über wohlstandskoeter

Hundetrainerin, Tierarzthelferin, Hundephysiotherapeutin "Neun von zehn Stimmen in meinem Kopf sagen, ich bin nicht verrückt, die Zehnte bellt einfach nur..."
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